Als zentraler Dienstleister des Verbunds innovation2business.nrw betreut PROvendis diese Technologie. Im Gespräch erläutert der Erfinder Leon Blanckart, wie die Idee zu AlgaTex entstand, welche Vorteile die Algenfasern bieten, welche Rolle PROvendis spielt und wie er sich die Zukunft seines Projekts vorstellt.
Wie entstand die Idee zu der Erfindung und welche Motivation steht dahinter?
Leon Blanckart: Die Idee hinter AlgaTex basiert bereits auf meiner Bachelorarbeit, in der ich mich mit dem Thema Algen als textiler Faserrohstoff befasst habe. Zunächst nur als Abschlussarbeit gedacht, zeigte sich schnell, dass die Thematik ein großes Potenzial bietet. Das wurde mir unter anderem dadurch klar, dass ich für die Arbeit mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Förderpreis der Wilhelm-Lorch-Stiftung, sowie dem Senatspreis der Hochschule Niederrhein.
Die ursprüngliche Motivation hinter dem Projekt war die Suche nach alternativen nachhaltigen Faserstoffen, denn die globale Textilindustrie steht vor einer fundamentalen Herausforderung: Die Nachfrage nach natürlichen Fasern steigt stetig, während die Produktion traditioneller Rohstoffe an ihre ökologischen und kapazitiven Grenzen stößt. Der Anbau von Baumwolle verbraucht enorme Mengen an Wasser, Ackerland und Pestiziden. Ebenso werden Chemiefasern aufgrund der Herstellung aus nicht regenerativen Ressourcen und dem Mikroplastikaustrag bei Gebrauch kritisch diskutiert.
Fädige Süßwasseralgen haben das Potenzial, hier eine ökologische und ökonomische Alternative zu bieten. Mit der Idee habe ich am Ideenwettbewerb „Neue Produkte für die Bioökonomie“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), dem heutigen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), teilgenommen. Dadurch konnte das Projekt AlgaTex in einer einjährigen Sondierungsphase gefördert werden. Daran anknüpfend folgte schließlich die dreijährige Machbarkeitsphase mit einem großen Konsortium entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Algenkultivierung über die Verfahrenstechnik bis hin zur Entwicklung der textilen Fläche.
Welche Besonderheiten haben Textilien aus Algenfasern?
Leon Blanckart: Neben den Nachhaltigkeitsaspekten weisen die Algenfasern einige Materialeigenschaften auf, die sie für technische Textilien oder Funktionsbekleidung interessant machen. Dazu zählen eine hohe Temperaturbeständigkeit sowie ein herausragendes Feuchtigkeitsmanagement. In Klimatests haben wir eine Feuchtigkeitsaufnahme von über 12 % gemessen. Damit übertreffen Textilien aus Algenfasern etablierte Cellulosefasern wie Baumwolle (ca. 8,5 %) oder Lyocell (ca. 11 %) signifikant. Das macht sie ideal für den Einsatz in hautnaher Komfort- und Funktionsbekleidung, bei der eine hohe Atmungsaktivität und Schweißaufnahme gefragt ist.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft?
Leon Blanckart: Landfasern wie Baumwolle haben einen immensen Wasserverbrauch, Pestizideinsatz und knappe Ackerflächen. Algen wachsen hingegen ressourcenschonend im Wasser, benötigen keine Pestizide und wirken beim Wachsen als natürliche CO₂-Senke. Dadurch, dass wir unser Kultivierungssystem im Kreislauf betreiben, benötigen wir auch nur einen Bruchteil des Wassers.
Im Sinne der Kreislaufwirtschaft arbeiten wir nach einem Zero-Waste-Ansatz: Wir können die geerntete Biomasse zu 100 % nutzen. Faserausschuss, der beispielsweise beim Spinnen anfällt, fangen wir vollständig auf und recyceln ihn zu technischen Vliesstoffen.
Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Erfindung schutzrechtlich sichern müssen?
Leon Blanckart: Das wurde uns während der Machbarkeitsphase unseres BMFTR-Forschungsprojekts AlgaTex bewusst, als wir den Proof of Principle, also den Machbarkeitsnachweis, erbringen konnten. Wir haben festgestellt, dass unser Ansatz – die Verarbeitung der Algenfasern in ihrer reinen Form – weltweit eine echte Neuheit ist.
Produkte wie SeaCell™ sind chemische Regeneratfasern (Lyocell), bei denen Algenpulver lediglich als Additiv in geringen Mengen in die Cellulose-Spinnmasse eingemischt wird. Die Alge hat in dem Fall keine strukturbildende Funktion. Unser entwickeltes Material besteht hingegen zu einem hohen Anteil (bis zu 100 %) aus der strukturell intakten Algenfaser selbst. Die Alge ist nicht nur ein Inhaltsstoff, sondern stellt das eigentliche textile Grundgerüst dar, was die Übertragung ihrer einzigartigen Eigenschaften auf das Endprodukt erst ermöglicht.
Welche Unterstützung haben Sie durch PROvendis erfahren?
Leon Blanckart: PROvendis hat den gesamten Prozess von der Erfindungsmeldung über die Formulierung des Patents begleitet. Da ich selbst keine Erfahrung mit der Erstellung von Patenten hatte, war mir PROvendis hier eine sehr große Hilfe. Neben der Erfindungsmeldung wurde ich auch zu strategischen Entscheidungen mit Blick auf die Start-up-Ausgründung von PROvendis beraten. Hierfür hatten wir uns regelmäßig in Meetings ausgetauscht.
Welche nächsten Schritte sind geplant?
Leon Blanckart: Zum einen müssen wir die Produktentwicklung weiter vorantreiben, zum anderen dafür sorgen, dass unsere eingereichten Patentanmeldungen vom Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) als schutzwürdig befunden werden. Hier sind fortführende Strategieworkshops mit der PROvendis geplant.
Welche Rolle spielt die EXIST-Förderung für Ihr Projekt?
Leon Blanckart: Die EXIST-Forschungstransfer-Förderung des BMWE ist für uns der entscheidende Brückenschlag von der akademischen Forschung in die freie Wirtschaft. Im vorangegangenen BMFTR-Forschungsprojekt AlgaTex haben wir bereits erfolgreich den Proof of Principle erbracht – wir haben bewiesen, dass unsere Idee funktioniert. Die EXIST-Förderung gibt uns nun die finanziellen Ressourcen und den strategischen Rahmen, um auf der bereits nachgewiesenen technologischen Machbarkeit aufzubauen und diese Technologie vom Proof of Concept bis zur industriellen Marktreife weiterzuentwickeln. Konkret bedeutet das: Wir können unsere Prozesse vom Labor in den industrienahen Pilotmaßstab skalieren. Das umfasst zum einen den Bau unserer eigenen Pilot-Kultivierungsanlage, dem „Greenhouse Raceway Pond“, und zum anderen die Herstellung unserer textilen Produkte aus Algenfasern. Nicht zuletzt finanziert uns das Programm die Zeit, um die eigentliche Ausgründung der AlgaCore GmbH juristisch vorzubereiten und unser Netzwerk an Pilotkunden auszubauen. Gleichzeitig können wir einen belastbaren Businessplan für die anschließende Seed-Finanzierung durch Investoren, also die erste Finanzierungsrunde für den Markteintritt, erarbeiten.
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Veröffentlicht am 08.04.2026
