Als zentraler Dienstleister des Verbunds innovation2business.nrw hat PROvendis Prof. Peitzmann bei der Wertermittlung für das Software-Projekt „Digitaler Kuhstall“ unterstützt – im Gespräch erklärt Prof. Peitzmann, worum es dabei geht und warum der Wert von Forschungsergebnissen und die Ermittlung dessen eine zentrale Herausforderung im Technologietransfer ist.
Wie gelingt dem MIB die Verbindung von angewandter Forschung mit den Bedürfnissen mittelständischer Unternehmen?
Prof. Peitzmann: Das MIB bündelt die Forschungskompetenzen im Bereich ingenieurstechnischer Fragestellungen am Campus Bocholt der Westfälischen Hochschule (WH). In seiner 25-jährigen Geschichte wurde häufig Industrieforschung für den regionalen Mittelstand betrieben, um die Innovationsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zu stärken und dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Durch studentische Arbeiten, Netzwerktreffen, Veranstaltungsangebote für Unternehmen und viele weitere Schnittstellen ist das MIB als Partner bekannt. Gleichzeitig sind wir „am Puls der Zeit“ und wissen, wo den Unternehmen der Schuh drückt. Daraus entwickeln sich häufig gemeinsame Forschungsprojekte.
Aktiv gehen wir mit Ideen in einem frühen Stadium auf potenzielle Partner zu, dabei helfen zum Beispiel Wirtschaftsförderungen oder Kammern.
Wie können Unternehmen von einer Zusammenarbeit mit dem MIB profitieren?
Prof. Peitzmann: Innovationen sind für den unternehmerischen Erfolg der Zukunft essenziell – und sie müssen nicht ausschließlich aus dem Unternehmen stammen. Die Zusammenarbeit mit einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung kann neues Know-how liefern, es können innovative Leistungen und Prozesse entstehen und nicht zuletzt: das Unternehmen kann qualifizierte Mitarbeiter kennen lernen.
Ein Bereich, in dem Sie und Ihre Kolleg*innen forschen, sind Simulationstechniken. Können Sie ein Beispiel hierfür nennen?
Prof. Peitzmann: Simulationen werden heute in unterschiedlichsten Situationen genutzt, um zum Beispiel eine schnellere Produktentwicklung zu erreichen oder Kosten zu reduzieren, beispielsweise durch einen weitgehenden Verzicht auf Realexperimente.
Im MIB sind wir fokussiert auf Finite Elemente Simulationen (z. B. Bauteilfestigkeiten), Mehrkörpersimulationen (dynamisches Verhalten von Systemen) und Strömungssimulationen. Um ein Beispiel zu nennen: In einem Entwicklungsprojekt mit Industriepartnern wurde untersucht, wie bestimmte Modifikationen an der Oberfläche von Rotorblättern einer Windenergieanlage sich auf die Turbulenzbildung auswirken und wie sich diese Turbulenzen damit reduzieren lassen. Die Grundidee dahinter ist einfach: die Entstehung der Turbulenzen kostet Windenergie – und dieser Anteil fehlt zur Umwandlung in elektrische Energie. Je weniger Turbulenzen erzeugt werden, desto mehr Energie steht für die Umwandlung zur Verfügung.
Sie haben unter anderem die Idee zu einem digitalen Kuhstall entwickelt. Welche Ziele werden mit dieser Erfindung verfolgt?
Prof. Peitzmann: In industriellen Entwicklungen ist der „digital twin“ ein verbreitetes Instrument, um Produkte, Maschinen, Produktionsprozesse und ganze Anlagen in der digitalen Welt zu entwerfen, zu simulieren und zu optimieren, bevor sie in der realen Welt umgesetzt werden. Diese Grundidee haben wir auf die Klimatisierung von freistehenden Kuhställen übertragen. In einem Forschungsprojekt wurden die Strömungen simuliert, die in einem exemplarisch gewählten Kuhstall bei unterschiedlichen äußeren klimatischen Bedingungen herrschen. Damit lassen sich Temperaturentwicklungen im Stall verstehen oder auch die Konzentrationsstellen von Methan können erkannt werden. Dies ermöglicht es, Gegenmaßnahmen für eine optimierte Klimatisierung des Stalles zu ergreifen. Dadurch gibt es zwei Gewinner: der Landwirt, der mit höheren Milchleistungen rechnen darf und die Kühe, deren Umweltbedingungen verbessert werden.
Welche Unterstützung haben Sie von PROvendis, dem zentralen Dienstleister des Verbunds innovation2business.nrw, erhalten?
Prof. Peitzmann: Forschungsergebnisse werden häufig aus Steuergeldern finanziert, so wurde die Entwicklung des digitalen Kuhstalles vom Landwirtschaftsministerium NRW finanziert. Aber es soll bestenfalls nicht nur „reines Wissen“ entstehen, die Ergebnisse sollen idealerweise in die Privatwirtschaft transferiert und weiter genutzt werden. Diesen Transferprozess hat in diesem Fall PROvendis nicht nur begleitet, sondern aktiv gestaltet. Von der Wertermittlung einzelner Ergebnisse bis hin zur vertraglichen Ausgestaltung lag der Vorgang bei PROvendis in den besten Händen.
Welchen Stellenwert haben für Sie Schutzrechte im Kontext des Technologietransfers?
Prof. Peitzmann: In der industriellen Praxis und im Technologietransfer sind Schutzrechte ein wichtiges Instrument, um Ergebnisse abzusichern und wirtschaftlich nutzbar zu machen. An unserem Institut selbst stehen offene Publikationen oft im Vordergrund – das ist bei anwendungsorientierter Hochschulforschung eine übliche Praxis. Wir achten dennoch darauf, dass potenziell schutzfähige Ergebnisse identifiziert werden. In solchen Fällen arbeiten wir eng mit PROvendis zusammen. Aus der Erfahrung heraus verfolgen unsere Industriepartner unterschiedliche Strategien im Umgang mit Schutzrechten. Einige Partner sichern ihre Entwicklungen durch Schutzrechte ab, andere setzen auf einen Wissensvorsprung und schnelle Markteinführung. Beide Modelle haben ihre jeweiligen Stärken – maßgeblich ist eine reflektierte und zur Unternehmensstrategie passende Entscheidung.
Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen beim Übergang von der Erfindung zur wirtschaftlichen Verwertung?
Prof. Peitzmann: Aus meiner langjährigen Berufspraxis heraus würde ich zwei nennen: Zum einen ist die Wertermittlung ein kritischer Faktor. Sowohl auf Seiten der Hochschule als auch auf Unternehmensseite bestehen Unsicherheiten, wie Ergebnisse finanziell zu bewerten sind. Letztlich ist also der „Kaufpreis“ unklar. Zum anderen sind rechtliche Unsicherheiten eine Herausforderung. Auch hier bestehen auf beiden Seiten Unklarheiten über Risiken wie zum Beispiel die Haftung nach Projektende oder Gewährleistungen.
Der Transfer von Forschungsergebnissen scheitert daher häufig nicht an der Qualität der Ergebnisse – das gibt es auch – sondern an Unsicherheiten des „wie“. Gerade hier ist PROvendis gefragt und ja auch engagiert.
Weitere Informationen
↗ Webauftritt Mechatronik-Institut Bocholt
Veröffentlicht am 11.09.2025.
