Als zentraler Dienstleister des Verbunds innovation2business.nrw bietet PROvendis interessierten Unternehmen die Möglichkeit der Lizenzierung sowie die Weiterentwicklung dieser Technologie in Zusammenarbeit mit der Hochschule Niederrhein an. Im Interview erläutern die Erfinderinnen, wie die Idee entstand, welche Vorteile die Technologie bietet und wo sie in Zukunft Anwendung finden könnte.
Wie ist die Idee zu HairProtectColour entstanden?
Prof. Dr. Wanninger: Das Gebiet der Haarfarben interessiert mich als Kosmetikexpertin und als Anwenderin von Haarfarben und Ansatzsprays. Ich forsche seit etwa zehn Jahren an Lignin und seinen Anwendungen in der Kosmetik. Dabei setze ich auf Lignin aus unterschiedlichen Quellen und mit unterschiedlicher chemischer Struktur. Was mir aufgefallen war, ist die sehr gute Absorption von Öl und Sebum sowie die sehr gute Haftung auf dem Haar. Die richtige Teilchengröße und Verarbeitbarkeit von Lignin waren lange Jahre das Problem. Erst seit kurzer Zeit stehen kommerziell Lignine zur Verfügung, die in Bezug auf kosmetische Qualität und Performance unseren Ansprüchen entsprechen.
Wegen der guten Haftung von Lignin an Haaren haben wir Farbpigmente zugemischt und Haarsträhnen gefärbt. Die Teststrähnen waren gut kämmbar, hatten Schwung und glänzten. Das war der Durchbruch. Dann konnten wir unterschiedliche Trägermaterialien, Farbpigmente, Zusatzstoffe, Anwendungsformen und Auftragstechniken testen und waren erfolgreich. Inzwischen haben wir unsere Erfindung an unterschiedlichen Haartypen und Haarfarben getestet und sehen die universelle Anwendbarkeit unserer Technologie.
Daria Giesbert: Ich habe als studentische Hilfskraft Frau Professorin Wanninger bei der Forschung im Labor unterstützt. Ich bin sehr an Kosmetik interessiert und beobachte aktuelle Trends im Markt. Bei Haarfarben und Ansatzkaschierprodukten werden Produkte gesucht, die möglichst das Haar nicht schädigen und keine Silicone enthalten.
Was macht HairProtectColour so besonders?
Prof. Dr. Wanninger: Wir nutzen die physikalische Wechselwirkung von Lignin mit den Haaren. In Verbindung mit Trägermaterialien und Farbpigmenten können wir eine breite Palette von natürlichen und künstlichen Farbtönen auf dem Haar aufbringen und dabei den Haarglanz und die Kämmbarkeit erhalten. Damit heben wir uns z. B. von Haarkreiden und Haarmascara ab. Das Haar hat seinen natürlichen Schwung und wird zusätzlich geschützt durch die multifunktionellen Ligninpartikel. Diese haben eine nachgewiesene antioxidative Wirkung und sind UV-Schutz-Booster. Die Partikel nehmen überschüssiges Sebum auf und pflegen damit das Haar. Zusätzlich beobachten wir eine Volumenvergrößerung der Frisur insbesondere bei feinem Haar. Hervorzuheben ist die sehr gute Egalisierung der Haarfarbe auch bei geschädigten Haaren. Wir erzielen einen gleichmäßigen Farbauftrag von der Haarwurzel bis zur Spitze. Eine gewisse Abrieb- und Wasserfestigkeit erzielen wir durch Fixierung der Farbe mit Haarspray oder einer Biopolymerlösung. Und mit einer Shampoowäsche kann das Produkt komplett vom Haar entfernt werden.
In unserer zweiten Erfindung haben wir Lignin in permanente Haarfarben integriert und diese nachhaltiger und multifunktionell gestaltet.
Daria Giesbert: Die Technologie von HairProtectColour ist einfach anzuwenden. Das Farbpulver kann mit einem Pinsel in einer dünnen Schicht auf dem Haar aufgetragen werden, ähnlich wie bei dekorativer Kosmetik. Der Effekt ist sofort sichtbar. Wir können auch mit wenigen Pinselstrichen interessante Farbverläufe und Balayage-Effekte auf dem Haar erzeugen. Die Basisformulierung kann auch in Spray, Gel, Creme, Haarmasken etc. integriert und aufgetragen werden. Die Gelform eignet sich z. B. als färbendes Augenbrauengel.
Viele Haarprodukte versprechen Farb- oder Pflegeeffekte. Worin unterscheidet sich Ihre Technologie von herkömmlichen Lösungen?
Prof. Dr. Wanninger: Wir haben zwei Lösungen entwickelt. Einerseits bieten wir HairProtectColour für temporäre Produkte an, die abwaschbar sind, andererseits haben wir Lignin in permanente Haarfarben integriert. Neu ist die Kombination von Farbeffekten mit den pflegenden und schützenden Wirkungen von Lignin auf Haaren in der Anwendung als Haarfarben sowie für die Abdeckung von nachwachsenden Ansätzen permanent gefärbter Haare. Wir erreichen mit beiden Lösungen einen gleichmäßigen Farbeindruck und vollständige Grauabdeckung. Lignin wird vorwiegend in technischen Anwendungen, in der Hautpflege und in Sonnenschutzmitteln für die Haut genutzt sowie in Trockenshampoo, was wir vor ca. zehn Jahren bereits untersucht hatten, damals noch mit unzureichenden Ligninqualitäten. Unsere heutigen Formulierungen von HairProtectColour entsprechen dem Konzept von Clean Beauty und enthalten nur die Inhaltsstoffe, die für die Funktion nötig sind.
Daria Giesbert: Viele Verbraucher*innen suchen bewusst Produkte, die einfach anzuwenden sind und gleichzeitig ein Minimum an Inhaltsstoffen enthalten. Das zeigt sich bei „Skinimalism“ und auch bei Produkten für die Haare. HairProtectColour überzeugt unsere Erstanwender*innen und Haarmodels dadurch, dass wir ästhetische Effekte, einfache Applizierbarkeit, Pflege, Schutz und das problemlose Auswaschen mit Shampoo für einen Instantlook, der schnell veränderbar ist, miteinander verbinden. Mit HairProtectColour kann man einzelne Strähnen betonen, den nachwachsenden Ansatz kaschieren, das ganze Haupthaar, Barthaar oder die Augenbrauen färben. Unsere Technologie ist für alle Haarfarben und Haartypen geeignet, selbst für recht brüchige krause Haare, bei denen schwarze Haare in der Sonne leicht rötlich werden. In einer multiethnischen Gesellschaft sind universell anwendbare Lösungen für alle Haartypen sehr gefragt.
Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit?
Prof. Dr. Wanninger: Nachhaltigkeit ist eines der Kernthemen unseres Fachbereichs Chemie und hat einen hohen Stellenwert in der Kosmetikbranche und für uns. Wir setzen auf Lignin als Basisinhaltsstoff, das bei industrieller Verarbeitung von Lignocellulose als Abfall anfällt und für die Kosmetik aufbereitet werden kann. Damit nutzen wir einen nachwachsenden Rohstoff, der ein „Upcycling“ erfahren hat und u. a. in der Haut- und Haarpflege als nachhaltiger, ökozertifizierter Inhaltsstoff eingesetzt wird. Unsere Erfindung ermöglicht eine Colorierung der Haare ohne Haarschädigung und mit sehr geringen Auftragsmengen. Damit schützen wir die Verbraucher*innen und die Umwelt, weil alle Inhaltsstoffe von HairProtectColour unbedenklich angewendet werden können und nach dem Abspülen vom Haar umweltverträglich sind.
Daria Giesbert: Wir haben uns bewusst für die Forschung an nachhaltigen Kosmetikprodukten entschieden.
Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Erfindung schutzrechtlich sichern müssen? War das Thema Patente für Sie Neuland oder hatten Sie bereits Erfahrung damit?
Prof. Dr. Wanninger: Ich habe Erfahrungen mit Patenten und bin an einigen Patenten beteiligt aus meiner Zeit als Industriechemikerin. Die Themen Erfindungsmeldungen und Patente behandle ich in meinen Lehrveranstaltungen der Chemie. HairProtectColour ist meine erste Erfindung an der Hochschule Niederrhein, die zum Patent angemeldet wurde.
Daria Giesbert: Patente waren für mich neu. Als wir die Erfindung gemacht haben, war ich im vierten Semester meines Bachelorstudiums der Chemie und Biotechnologie.
Warum ist die Zusammenarbeit mit PROvendis für Hochschulerfinder*innen hilfreich und welche Unterstützung haben Sie durch PROvendis erfahren?
Prof. Dr. Wanninger: Wir haben Unterstützung erfahren bei der Patentierung und der Verwertung der Erfindung. PROvendis hat den Kontakt zum Patentanwalt hergestellt, Dokumente und Recherchen bereitgestellt, Firmen kontaktiert und uns bei Treffen mit Firmen begleitet. Diese Zusammenarbeit ist für uns hilfreich, weil wir dadurch unsere Erfindung bestmöglich absichern und verwerten können.
Daria Giesbert: Durch die Zusammenarbeit mit PROvendis habe ich das Thema Erfindungen und Patente besser kennengelernt und kann diese Kenntnisse in meinem späteren Berufsleben gut einsetzen.
Wie geht es mit HairProtectColour weiter und welche nächsten Schritte stehen auf dem Weg zur Markteinführung an?
Prof. Dr. Wanninger: Wir sind im Gespräch mit Unternehmen und befinden uns in der Phase der Bemusterung und Begutachtung unserer Erfindung. Wir suchen Lizenzpartner und sind für weitere Firmenkontakte offen. Das hat für uns oberste Priorität. Wir unterstützen unsere Erfindung durch Vergleichsstudien und setzen auf das Feedback durch Erstanwender*innen unserer Technologie, die unterschiedliche Haartypen und Anwendungsbedürfnisse haben. Wir nutzen verschiedene Kanäle, HairProtectColour bekannter zu machen, darunter Fachvorträge und Veröffentlichungen. Technologisch entwickeln und optimieren wir die Produktformen und Formulierungen, um marktfähige Produkte zu präsentieren.
Mögliche Segmente für HairProtectColour sind temporäre Haarfarben bzw. dekorative Kosmetik für Haare, Ansatzbehandlung mit 100 % Abdeckung der nachwachsenden Haarfarbe, Produkte für mehr Fülle und Haarvolumen bei schütterem oder feinem Haar und weitere Anwendungen, die uns Interessenten genannt haben.
Daria Giesbert: Wir wenden unsere Erfindung selbst an, verteilen Muster in unserem Umfeld sowie bei den interessierten Unternehmen und bitten um Feedback. Dadurch erhalten wir wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung von HairProtectColour.
Weitere Informationen
↗ HairProtectColour - Technologie
Veröffentlicht am 15.01.2026



