Technologie für den Menschen

Interview mit Prof. Dogangün von der Hochschule Ruhr West

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) steht im Spannungsfeld von erheblichem Nutzen für Menschen und der Gefahr von Abhängigkeiten, Manipulation oder Selbstzweck. Prof. Dr.-Ing. Aysegül Dogangün von der Hochschule Ruhr West beschäftigt sich mit der Frage, wie Technologien so entwickelt werden können, dass der Nutzen für den Menschen stets im Vordergrund steht. Im Interview spricht Prof. Dogangün über ihre Projekte zum Einsatz sozialer Roboter oder KI-basierter Assistenzsysteme und darüber, was es braucht, um diese in die Praxis zu bringen.

Als zentraler Dienstleister des Verbunds innovation2business.nrw hat PROvendis die Wissenschaftlerin dabei unterstützt, passende Industriepartner für die Umsetzung ihrer Projekte zu finden. 

„Menschenzentrierte Technikentwicklung“, „Soziale Roboter“ – das sind Schlüsselbegriffe Ihrer Forschung an der Hochschule Ruhr West. Können Sie kurz beschreiben, worum es dabei geht? 

Prof. Dogangün: Im Kern geht es darum, Technologien so zu gestalten, dass sie Menschen wirklich unterstützen – orientiert an ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Werten. Partizipation spielt dabei eine zentrale Rolle: Nutzer*innen, Fachkräfte und andere Beteiligte werden früh und kontinuierlich in den Entwicklungsprozess einbezogen.
Unsere Projekte reichen von sozialen Robotern in Schulen, Bibliotheken und Verwaltungen, über barrierefreie und inklusive IT-Lösungen, bis hin zu nachhaltigen Konzepten für den Technikeinsatz. Wir entwickeln KI-gestützte Anwendungen im Gesundheitswesen und in der Mobilität, aber auch innovative Lehrkonzepte, um Studierende früh für verantwortungsvolle Technikgestaltung zu sensibilisieren. Wichtig ist uns, dass Forschungsergebnisse nicht im Labor bleiben, sondern im Alltag spürbar werden.

Was treibt Sie in Ihrer Forschung persönlich an?

Prof. Dogangün: Mich fasziniert die Verbindung aus technischer Innovation und gesellschaftlicher Verantwortung. KI kann große Potenziale entfalten – etwa in Bildung, Gesundheit oder Inklusion – aber nur, wenn wir sie so einsetzen, dass sie Menschen unterstützt, ohne sie zu bevormunden. Mich motiviert die Frage: Wie können wir komplexe Technologien so gestalten, dass sie verständlich, akzeptiert, inklusiv und wirklich nützlich sind?

Können Sie ein Beispiel benennen, wie Ihre Forschung an der Mensch-Technik-Interaktion konkret Anwendung finden kann? 

Prof. Dogangün: Unsere Projekte sind stark anwendungsorientiert. Ein Beispiel ist RuhrBots, wo wir soziale Roboter in Bibliotheken und Verwaltungen einsetzen, um bei der Informationsvermittlung zu unterstützen und digitale Kompetenzen niedrigschwellig zu fördern.
Ein weiteres ist KISS, bei dem wir eine KI-gestützte App entwickeln, die Senior*innen barrierearme Freizeit- und Mobilitätsangebote empfiehlt – hier verbinden wir technologische Innovation mit sozialer Teilhabe.
In ExpliCareNEXT arbeiten wir an einem KI-basierten Assistenzsystem für die Pflege. Das System kombiniert Smart Home- und Kontextinformationen, um den Unterstützungsbedarf zu erkennen und anlassbezogene Pflege zu ermöglichen. Mit mehrsprachiger Sprachsteuerung, Chatbots und Sensorik werden Pflegekräfte entlastet, Abläufe vereinfacht und auch ungelernten Kräften der Einsatz in bestimmten Pflegeaufgaben ermöglicht – ohne Abstriche bei der Qualität. Pflegedienste profitieren zudem von einer besseren Planungsgrundlage.

Welche Ressourcen benötigen Sie, damit der Transfer Ihrer Forschung in die Praxis gelingen kann? 

Prof. Dogangün: Wichtig sind verlässliche Partner in der Praxis, die bereit sind, neue Technologien mitzugestalten und zu erproben. Ebenso braucht es die entsprechende Finanzierung sowie Zeit und Personal, um Prototypen zu entwickeln, zu testen und auf Basis von Feedback zu verbessern. Entscheidend ist auch ein enger Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft, um Lösungen praxisnah und nachhaltig zu verankern.

Welche Unterstützungen haben Sie von PROvendis, zentraler Dienstleister des Hochschulverbunds innovation2business.nrw, in Anspruch genommen? 

Prof. Dogangün: PROvendis hat uns unter anderem bei einem EFRE-Skizzenantrag (KI-Innomativ) unterstützt – konkret bei der schnellen und unkomplizierten Suche nach einem geeigneten KMU-Partner. Diese Zusammenarbeit war sehr effizient, und der Antrag wurde schließlich erfolgreich begutachtet. Der planmäßige Start der Maßnahme ist der 1.1.2026.

Haben Ihnen die Dienstleistungen im Bereich der Kooperationsvermittlung bei der Weiterentwicklung Ihrer Forschung geholfen? 

Prof. Dogangün: Ja, auf jeden Fall. Über die Vermittlung sind spannende Kontakte zu Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen entstanden, die wir sonst vermutlich nicht so schnell gefunden hätten. Wir freuen uns mit diesen Verbindungen im Rahmen einer gemeinsamen Förderung interessante Forschungsergebnisse zu erzielen und diese in die Praxis zu überführen.

Wie erleben Sie die öffentliche Debatte über Künstliche Intelligenz – sehen Sie eher Chancen oder Risiken im gesellschaftlichen Umgang damit?

Prof. Dogangün: Ich sehe beides. KI kann helfen, gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen, zum Beispiel indem sie Bildungschancen verbessert, Pflegekräfte entlastet oder Inklusion fördert. Gleichzeitig gibt es Risiken, etwa bei Transparenz, Akzeptanz, Datenschutz oder der Reproduktion von Vorurteilen in Algorithmen. Entscheidend ist für mich, dass wir als Gesellschaft den Rahmen klar setzen und unsere Werte bei der Entwicklung und Anwendung von KI konsequent in den Vordergrund stellen.


Weitere Informationen

↗ Website Prof. Dogangün am Institut Informatik der Hochschule Ruhr West


Veröffentlicht am 16.09.2025.